
Wie mir Mitgefühl im Alltag hilft: Ein persönlicher Erfahrungsbericht
Im Alltag begegnen wir alle immer wieder Situationen, die uns fordern oder aus dem Gleichgewicht bringen. Auch mit Achtsamkeitserfahrung geraten wir manchmal in Stress und und reagieren anders, als wir es uns eigentlich wünschen. Gerade dann kann Mitgefühl – für uns selbst und andere – eine wertvolle Unterstützung sein.
In meinem Beitrag für die Zeitschrift moment by moment, Ausgabe 3/2025, beschreibe ich eine persönliche Erfahrung, in der mir die MBCL-Übung Atemraum mit Mitgefühl – für sich selbst und andere dabei geholfen hat, innezuhalten und einen heilsamen Umgang mit einer schwierigen zwischenmenschlichen Situation zu finden.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags darf ich den Text hier teilen.
Viel Freude beim Lesen. Die Audioaufnahme der im Text erwähnten MBCL-Übung finden Sie sie hier.
Mitgefühl in Aktion
Wir alle kennen Alltagssituationen, die uns herausfordern oder aus dem Gleichgewicht bringen. Ganz gleich, wie lange wir schon praktizieren, kann es an manchen Tagen, wenn nicht alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, passieren, dass wir auch einmal die Fassung verlieren. Jana Willms, Trainerin und Ausbilderin für Mindfulness-Based Compassionate Living (MBCL) zeigt uns an einem sehr persönlichen Beispiel, wie uns kleine Übungen dabei helfen können, innezuhalten und uns wieder mit uns selbst, unserem mitfühlenden Herzen und der Welt zu verbinden.
Manchmal kann das Leben ganz schön schwierig sein. Gestern zum Beispiel. Ich hatte eine E-Mail geschrieben, die ich später gern zurückgeholt hätte. Beim Schreiben hatte ich mich okay gefühlt, war aber vom ganzen Tag ziemlich erschöpft: Es war einiges schiefgegangen und alles insgesamt zu viel. Keine guten Voraussetzungen für eine Mail, die etwas Fingerspitzengefühl gebraucht hätte, weil mich ein schon lange bestehendes Software-Problem ärgerte und ich den Eindruck hatte, der Verantwortliche kümmere sich nicht darum. Das hatte ich noch erledigen wollen.
Es dauerte nicht lange und ich hatte den Adressaten, den ich persönlich gar nicht kenne, am Telefon. Er war aufgeregt, klang, als fühlte er sich persönlich angegriffen. Mir schlug das Herz bis zum Hals. „Das passt gar nicht zusammen! Sie unterrichten doch Achtsamkeit“, schnaubte er, „und dann so eine E-Mail!“
Etwas in mir zog sich zusammen. Ich schämte mich, war verwirrt. Hatte ich etwas Unangemessenes geschrieben? Während er weitersprach, suchte ich Halt und ließ meine Aufmerksamkeit in die Fußsohlen fließen. Ich spürte, wie mich die Erde trug. Ich konnte etwas Gewicht abgeben. Weicher werden. Ausatmen. Ich fühlte, wie sich mein Herz schlag etwas beruhigte. Ich konnte ihm wieder besser zuhören.
In drei Schritten Klarheit gefunden
Dann war das Gespräch plötzlich unterbrochen. Ich war dankbar für die Möglichkeit, mich sammeln zu können. Die Übung „Atemraum mit Mitgefühl“ mit ihren drei Schritten ist mir in solchen Momenten oft eine große Hilfe: Zuerst einmal geht es darum, innezuhalten und behutsam die schwierigen Erfahrungen des Augenblicks wahrzunehmen. Ich spürte, wie unangenehm dieser Anruf in meinem Körper nachhallte – und bemerkte Widerstand: ein Teil von mir hatte nur wenig Lust, sich dem zuzuwenden, was gerade passiert war. Ich fühlte mich überrumpelt und ungerecht behandelt. „Ich wollte ihm doch gar nichts!“, ging mir durch den Kopf. „Ich will nur, dass dieses Software-Problem endlich gelöst ist! Das kann doch nicht so schwer sein!“ Wie leicht hätte ich mich in diesen Gedanken und Gefühlen verlieren können!
Nur hätte das nichts genützt. Der nächste Schritt der Übung besteht darin, die Gedanken und Gefühle sich selbst zu überlassen und die Aufmerksamkeit zum Atem zu bringen – ein Anker, der hält. Mein Atem fühlte sich flach und schnell an. Behutsam erlaubte ich ihm, einen beruhigenden Rhythmus zu finden. Langsam ebbte die Anspannung ab, mein Körper wurde weicher, und etwas öffnete sich in mir – für den dritten Schritt: mir selbst, ihm oder uns beiden einen mitfühlenden Wunsch anbieten. Ein Wunsch für uns beide war am stimmigsten: „Mögen wir uns als Menschen begegnen können. Mögen wir einen Weg miteinander finden.“ Das Gefühl von Verbundenheit kehrte zurück – zuerst mit mir selbst, dann auch mit dem Menschen, den ich gerade am Telefon gehabt hatte. Ich konnte wohlwollend und mit mitfühlenden Augen auf uns und unsere Begegnung schauen.
Oberflächlich war meine E-Mail korrekt gewesen, aber ich hatte in meiner Ungeduld nur Augen für mein Problem gehabt – und etwas von dieser Anspannung war offensichtlich in meine Worte eingeflossen. Ich hatte mir nicht bewusst gemacht, dass ich einem Menschen schrieb, der – genau wie ich – nicht perfekt war, vermutlich sein Bestes gab, verletzlich war und viele Dinge nicht kontrollieren konnte. Wenn ich mir im Vorfeld Raum für solche Überlegungen genommen und eine Verbindung zum Gegenüber gespürt hätte, hätte ich meine Worte anders gewählt oder die E-Mail vor dem Senden mit etwas Abstand noch einmal gelesen und sie auf mich wirken lassen. Aber das hatte ich nicht getan – und ich bedauerte es aufrichtig.
Früher hätte ich mich in solch einem Moment in Grund und Boden geschämt oder mich selbst – oder mein Gegenüber – dafür verurteilt. Und in Gedanken verloren wie: „Warum habe ich nicht …“ oder „Wie konnte er nur …“
Was auftaucht, wenn wir innehalten
Es tut gut, einfach anzuerkennen, dass wir nicht alles unter Kontrolle haben und das Leben oft komplexer ist, als uns lieb ist. Ich legte eine Hand auf meinen Herzraum und fühlte die sanfte Berührung und Wärme. „Möge ich etwas aus dieser Situation lernen,“ dachte ich. Ich wollte dieses Gespräch, mit dem es uns beiden nicht gut ging, nicht so stehen lassen. „Mögen wir einander verstehen können.“ Ich fühlte wieder Verbindung – mit mir selbst und dann auch mit meinem Gegenüber – und die Bereitschaft, ihm wieder mit offenem Herzen zuzuhören, ihm zu erklären, wie es dazu gekommen war, und ihm zu sagen, dass ich meine Worte bedauere.
Dann habe ich ihn angerufen und wir haben einander erzählt, was uns bewegt hat. Im Gespräch erfuhr ich, wie es ihm ging und wie oft er sich in den letzten Monaten um eine Lösung des Software-Problems bemüht hatte, aber von einem externen Dienstleister abhängig war. Und er konnte nachvollziehen, wieso ich ihm die E-Mail geschrieben hatte, und verstand nun auch, dass ich ihn nicht hatte verletzen wollen. Am Ende haben wir sogar entspannt miteinander gescherzt.
Zuwenden – Beruhigung erlauben – öffnen
Wir alle kennen Situationen, in denen wir unsere Fassung verlieren – vor allem, wenn es um komplexe Zusammenhänge geht, die wir schlecht einschätzen können. Dann reagieren wir oft impulsiv, ohne die Folgen unseres Handelns abschätzen zu können. Unseren Mitmenschen geht es genauso – und dann kommt es zu Missverständnissen, Fehlern und Verletzungen auf beiden Seiten.
Nichts ist perfekt – wir genauso wenig wie die anderen, das Leben oder die Welt. Leid ist unvermeidlich. Wenn wir diese Lebensrealität anerkennen – anstatt sie zu ignorieren, abzuwehren oder zu verdrängen, können wir Wege finden, klug und mitfühlend damit umzugehen und so das unvermeidliche Leid, das wir alle erfahren, zu lindern und unnötiges zusätzliches Leid zu vermeiden.
Für mich war es in der beschriebenen Situation entscheidend, innezuhalten, freundlich wahrzunehmen, wie mir gerade zumute war, und mir zuerst einmal zu erlauben, mehr zur Ruhe zu kommen. Dadurch konnte ich mein Herz wieder öffnen – für uns beide und für die Möglichkeit, dass wir einen guten Weg miteinander finden würden.
Es gibt viele Wege, in schwierigen Momenten mitfühlend – also liebevoll, unter- stützend, fürsorglich – zu handeln. Sie alle beginnen mit Innehalten. Mit Achtsamkeit und Bewusstheit. Mit unserer Fähigkeit, uns unserem Leid oder dem Leid anderer zuzuwenden und uns davon berühren zu lassen. Achtsamkeit schafft einen heilsamen Abstand, sodass wir das Schwierige nicht abwehren oder ignorieren müssen. Es darf da sein – sicher gehalten in weitem, freundlichem Gewahrsein. Wir können es als etwas erkennen, das uns alle – Menschen, Tiere, Pflanzen, unsere Erde – verbindet, und es weckt Mitgefühl, den tiefen Wunsch in uns, etwas zu tun, um dieses Leid zu lindern. Was daraus entspringt, ist mitfühlendes Denken und Handeln – Liebe in Aktion.
MBCL-Übung: Atemraum mit Mitgefühl – für sich selbst und andere
Wenn Sie möchten, können Sie die im Text beschriebene MBCL-Übung Atemraum mit Mitgefühl – für sich selbst und andere gerne ausprobieren.
Die Übung lädt Sie dazu ein, mit mitfühlenden Augen auf Sie selbst und eine andere Person zu schauen, mit der es gerade „hakelt“. Das kann Ihnen helfen, mehr Verbundenheit zu spüren und mitfühlender und klüger auf die Situation zu antworten. 🧡
Praktizieren Sie die Übung ruhig einige Male mit der Aufnahme. So wird es auch im Alltag leichter, mitfühlend zu denken und zu handeln und ihre eigenen Bedürfnisse genauso zu berücksichtigen, wie die anderer.
Atemraum mit Mitgefühl - für sich selbst und andere (20 Minuten)
Hat Sie der Text inspiriert? Hat Ihnen die Übung gefallen? Hinterlassen Sie mir gerne einen Kommentar. Ich freue mich über Rückmeldungen.