Selbstmitgefühl üben: Drei Schritte für Menschen mit viel Selbstkritik

von Jana Willms | Mai 7, 2025 | Mitgefühl entwickeln

Kennen Sie das?

Sie machen einen Fehler – und hören innerlich sofort eine strenge Stimme, die sagt:

Warum habe ich das bloß wieder nicht hinbekommen?
Andere schaffen das doch auch.
Wie konnte ich nur so dumm sein?

Vielleicht kennen Sie diese Art von Selbstkritik schon lange. Vielleicht klingt sie manchmal leise im Hintergrund mit. Vielleicht wird sie auch besonders laut, wenn Sie müde sind, unter Druck stehen oder etwas nicht so gelingt, wie Sie sich das gewünscht hätten.

Dann kann es sich anfühlen, als zögen dunkle Wolken über Ihre innere Landschaft. Und manchmal scheint es vielleicht, als gäbe es keinen freundlichen Ort mehr in Ihnen, an dem Sie für einen Moment ausruhen können.

Viele Menschen versuchen dann, sich noch mehr anzustrengen. Sie wollen es besser machen, sich zusammenreißen, endlich gelassener oder freundlicher mit sich selbst umgehen. Aber oft entsteht genau dadurch nur noch mehr Druck.

Selbstmitgefühl zeigt uns einen anderen Weg.

Es bedeutet nicht, dass wir uns alles schönreden oder keine Verantwortung übernehmen. Es bedeutet, in einem schwierigen Moment wahrzunehmen und anzuerkennen: Ja. Das ist gerade schwer. Und uns dann dafür zu entscheiden, uns selbst mit mehr Freundlichkeit, Wärme und Unterstützung zu begegnen.

Manchmal reicht schon ein kleiner Moment von Selbstmitgefühl, damit wieder etwas Licht durch die Wolken fällt: nicht als schnelle Lösung, sondern als Erinnerung daran, dass Sie sich auch in schwierigen Momenten freundlich begegnen können.

Im Zentrum dieses Artikels steht eine einfache Drei-Schritte-Übung aus dem MBCL-Programm: der Atemraum mit Selbstmitgefühl. Sie kann besonders dann hilfreich sein, wenn Sie bemerken, dass die selbstkritische Stimme in Ihnen laut wird und Sie lernen möchten, mitfühlender mit sich umzugehen.

Sie können die Übung am Ende dieses Artikels als Audio anhören und als PDF herunterladen.

Wenn Sie direkt üben möchten, können Sie zum Abschnitt Atemraum mit Selbstmitgefühl springen. Wenn Sie zuerst etwas darüber lesen möchten, warum Selbstmitgefühl gerade bei Selbstkritik hilfreich ist, lesen Sie gerne der Reihe nach weiter.

Was ist Selbstmitgefühl (engl. Self-Compassion)?

Selbstmitgefühl ist eine innere Haltung uns selbst gegenüber und bedeutet, uns in schwierigen Momenten empathisch und mit Wärme und Verständnis zu begegnen (anstatt uns zu kritisieren oder zu verurteilen). Sie ist verbunden mit dem tiefen Wunsch und der aktiven Bereitschaft, unseren Kummer zu mildern oder zu verhindern.

– verändert* nach Paul Gilbert, Professor für klinische Psychologie und Begründer der Compassion Focused Therapy

*Paul Gilbert unterscheidet in der Originalfassung seiner Definition nicht zwischen Selbstmitgefühl und Mitgefühl für andere. Damit folgt er den östlichen Weisheitstraditionen, in denen es diese Trennung ebenfalls nicht gibt. Auch sie sprechen nur von Mitgefühl – einer Qualität, die uns selbst und andere Menschen (und genauso Tiere, Pflanzen und unsere Erde) einbezieht. Selbstmitgefühl ist also eine Perspektive von Mitgefühl. Weil es in diesem Artikel explizit um Selbstmitgefühl geht, habe ich mir erlaubt, Paul Gilberts Definition diesem Thema anzupassen.

→ Paul Gilberts ursprüngliche Mitgefühls-Definition

Was ist die wichtigste Fähigkeit, um Selbstmitgefühl zu entwickeln?

Achtsamkeit ist die wichtigste Fähigkeit, die Sie brauchen, um Selbstmitgefühl zu entwickeln.

Um sich in schwierigen Momenten mitfühlend zu begegnen, brauchen Sie die Bereitschaft, innezuhalten und den Mut, sich dem, was Sie erleben, achtsam und einfühlsam zuzuwenden. Sie können sich fragen:

Wie fühle ich mich gerade?
Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?
Wie fühlt sich mein Körper gerade an?
Und wie reagiere ich gerade auf das, was ich erlebe? Möchte ich es weghaben oder soll es gerade auf eine bestimmte andere Weise sein?

Nehmen Sie mit Offenheit und Freundlichkeit wahr, was Sie gerade erleben. Lassen Sie sich von Ihrem Schmerz berühren. Halten Sie Gedanken und Gefühle freundlich im Gewahrsein. Und bemerken Sie auch, wie Sie normalerweise darauf reagieren – ohne sich dafür zu verurteilen.

Die Achtsamkeit hilft Ihnen dabei. Sie schafft einen heilsamen Abstand zu den Erfahrungen, so dass Sie sich weniger mit ihrem Erleben oder Ihrer Sicht der Dinge identifizieren. Sie können gelassener  bleiben und den Schmerz fühlen, ohne sich darin zu verlieren (was nur noch mehr Stress machen würde).

Das ermöglicht es Ihnen, mit freundlicheren, verständnisvolleren Augen auf sich selbst zu schauen. Sie können sich mit der tiefen Motivation verbinden, Ihr Leid zu lindern und sich selbst fragen:

  • Wie kann ich mich jetzt unterstützen? Was brauche ich?
  • Was ist eine kluge und mitfühlende Antwort auf diesen Moment?

Wenn wir mitfühlend leben, entscheiden wir uns. Wir entscheiden uns dafür, auch in schwierigen Momenten achtsam präsent zu sein und uns mit Güte und Verständnis zu begegnen, anstatt uns durch Selbstkritik noch mehr zu verletzen oder unseren Schmerz zu ignorieren. Diese konstruktive innere Haltung unterstützt uns dabei, emotional zu heilen und zu wachsen.

Wie wirkt Selbstmitgefühl?

Selbstmitgefühl ist ein wichtiger Schlüssel zur Förderung unserer psychischen und körperlichen Gesundheit,  unseres emotionalen Wohlbefindens und unserer Lebenszufriedenheit.

Uns in schwierigen Momenten mitfühlend – also verständnisvoll und freundlich – begegnen zu können, reduziert Stress und Selbstkritik, hilft uns, eine warmherzigere Beziehung zu uns selbst aufzubauen und hilft uns, gestärkt aus Krisen hervorzugehen.

      Kristin Neff, eine amerikanische Professorin für Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung, hat die positiven Wirkungen von Selbstmitgefühl erforscht. Sie konnte in ihren Studien zeigen, dass Selbstmitgefühl…

      →  Durch einen MBCL-Kurs können Sie Ihr Selbstmitgefühl nachweislich stärken. Das kann Ihnen Schritt für Schritt helfen, harsche Selbstkritik zu überwinden. Lesen Sie mehr dazu im Artikel Selbstkritik und Selbsthass überwinden – so hilft ein Online-MBCL-Kurs.

      Wie können wir lernen, mitfühlender mit uns selbst umzugehen?

      Die grundlegende Fähigkeit, Fürsorge zu geben und zu empfangen gehört zu unserer genetischen Grundausstattung als Menschen. Wir sind also damit geboren – ohne sie hätten wir als Spezies ganz sicher nicht überlebt.

      Aufgrund unterschiedlicher Lebensumstände ist das Mitgefühl mit sich selbst bei vielen Menschen jedoch nicht stark entwickelt. Wenn etwas schief läuft – was oft der Fall ist – sind sie so kritisch und hart mit sich, wie sie es mit einer guten Freundin oder einen guten Freund niemals sein würden. Das macht eine Menge Stress und vergrößert ihr Leid nur noch.

      Zum Glück können wir lernen, in herausfordernden Momenten mitfühlender mit uns selbst umzugehen. Dafür brauchen wir jedoch Geduld und regelmäßiges Üben, denn Muster von Selbstkritik begleiten uns vermutlich schon viele Jahre. Sie verschwinden nicht von Heute auf Morgen.

      Veränderung ist aber möglich – das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung im Umgang mit meiner inneren Perfektionistin versichern. Das Mitgefühlstraining Mindfulness-Based Compassionate Living (MBCL) kann Ihnen den Weg in ein mitfühlenderes Leben zeigen.

      Wenn Sie sich fragen, wie sich MBCL vom Mindful Self-Compassion-Training MSC unterscheidet, finden Sie in diesem Artikel eine klare Orientierung dazu.

      MBCL kann Selbstmitgefühl stärken

      Studien zeigen die positiven und nachhaltigen Wirkungen
      des MBCL-Mitgefühlstrainings. MBCL-Übungen können...

      Selbstmitgefühl, Achtsamkeit, Resilienz und Lebensqualität stärken und
      Depression, Selbstkritik & Selbsthass, Ängste, Stress und Burnout verringern.

      Selbstmitgefühl üben: der Atemraum mit Selbstmitgefühl in drei Schritten (mit PDF zum Download)

      Wenn Sie mögen, starten Sie doch gleich jetzt damit, mitfühlender mit sich selbst zu werden. 😊

      Die folgende Übung ist eine kurze, strukturierte und sehr alltagstaugliche Selbstmitgefühlsübung aus dem MBCL-Programm. Sie ist speziell für Situationen gedacht, in denen Sie Stress, Erschöpfung, körperlichen oder emotionalen Schmerz erleben und lernen möchten, verständnisvoller und mitfühlender darauf zu antworten.

      Lassen Sie uns mit einem Überblick über die drei Schritte beginnen, aus denen sich der Atemraum mit Selbstmitgefühl zusammensetzt. Die dazugehörige Audioaufnahme finden Sie am Ende dieses Artikels.

      Atemraum mit Selbstmitgefühl – 3 Schritte für Menschen mit viel Selbstkritik

      Diese Meditation besteht aus drei Schritten. Die Länge der einzelnen Schritte können Sie der Situation anpassen, in der Sie sich gerade befinden.

      1. Schritt: Achtsam innehalten

      In diesem ersten Schritt sind Sie eingeladen, achtsam innezuhalten und für einen Moment ruhen zu lassen, womit Sie gerade beschäftigt waren. Öffnen Sie sich behutsam für die schwierigen Erfahrungen des Augenblicks. Das braucht oft auch Mut. Erinnern Sie sich an Ihre Absicht, gerade jetzt eine wohlwollende und unterstützende innere Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln. Halten Sie Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen im weiten Raum des Gewahrseins. So haben sie genug Platz, damit Sie nicht auf sie reagieren müssen. Sie können sich bewusst machen, dass Sie in diesem Moment, in dem Sie Ihre Erfahrungen halten, bereits Selbstmitgefühl verkörpern. 🧡

      2. Schritt: Atem und beruhigender Atemrhythmus

      Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit im zweiten Schritt für eine Weile in den Atemempfindungen ruhen. Fühlen Sie sanft, wie Ihr Körper gerade atmet. Wenn Sie wahrnehmen, dass der Atem holprig ist oder unruhig – was in herausfordernden Momenten sehr wahrscheinlich ist – können Sie dem Atem sanft erlauben, sich zu entspannen und einen beruhigenden Rhythmus zu finden.

      3. Schritt: Mitfühlender Wunsch für Sie selbst

      Weiten Sie das Gewahrsein in diesem dritten und letzten Schritt aus. Spüren Sie, wie es Ihnen jetzt geht. Lassen Sie sich sanft davon berühren und verbinden Sie sich mit Ihrer Motivation, Leid zu lindern! Sie können sich fragen: Was wäre jetzt ein unterstützender, ein liebevoller Wunsch für mich? Nehmen Sie sich Zeit, um nach innen zu lauschen und zu spüren, was Sie in diesem Moment brauchen. Vielleicht wünschen Sie sich Vertrauen oder Mut, Trost oder Kraft. Ein Wunsch für jetzt oder für Ihr ganzes Leben. Klein oder groß. Es kann alles sein. Lassen Sie den Wunsch als einzelnes Wort oder als Satz (Ich wünsche mir… oder Möge ich…) im beruhigenden Rhythmus des Atems durch sich hindurchfließen. Vielleicht passt auch ein paradoxer Wunsch gut, zum Beispiel: Möge die Unruhe dasein dürfen.

      Nehmen Sie achtsam wahr, was in Ihnen geschieht, wenn Sie den Wunsch innerlich sanft wiederholen. Manchmal werden Sie gar nichts dabei spüren – was nicht schlimm ist, denn Sie praktizieren trotzdem Wohlwollen für sich selbst. Manchmal spüren Sie vielleicht Wärme und Verbundenheit und wieder ein anderes Mal möglicherweise Irritation oder Traurigkeit, weil diese freundliche Zuwendung so unvertraut ist und/oder lange gefehlt hat. Sie können sich bewusst machen, dass all das ganz normale, menschliche Reaktionen sind. Indem Sie sie mitfühlend halten, finden genau die heilsamen inneren Prozesse statt, die die Kraft dieser Übungspraxis ausmachen.

      Woher diese Übung stammt – und wie ich sie weitergebe

      Die Übung Atemraum mit Selbstmitgefühl basiert auf der erweiterten Version des 3-Minuten-Atemraums – engl. Breathing Space – aus der achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie (Mindfulness-Based Cognitive Therapy, MBCT). MBCT wurde aus dem MBSR-Programm von Jon Kabat-Zinn entwickelt, um Menschen mit wiederkehrenden Depressionen ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie depressiven Rückfällen vorbeugen und im Alltag besser mit schwierigen Gefühlen umgehen können.

      Im MBCL-Programm wird der zweite Schritt des Atemraums mit der Übung Beruhigender Atemrhythmus aus der Compassion Focused Therapy (CFT) kombiniert. Hier spüren Sie Ihren Atem und erlauben ihm dann sanft, sich zu vertiefen und zu verlangsamen. Das unterstützt Sie dabei, sich zu regulieren und innerlich wieder mehr zur Ruhe zu kommen. Das ist eine gute Basis, für den nächsten Schritt.

      Im dritten Schritt der Atemraum-Meditation sind Sie eingeladen, sich selbst einen mitfühlenden Wunsch anzubieten, zum Beispiel: Möge ich mich unterstützt fühlen. oder: Ich wünsche mir Zuversicht und Trost. Spüren Sie, was sich vielleicht verändert, wenn diese Worte dazukommen. Gibt es ein Öffnen, ein Weich-Werden? Oder möchten Sie etwas an den Worten ändern, um das Empfangen zu unterstützen?

      Die Übungsweise, sich selbst oder anderen etwas Mitfühlendes zu wünschen, hat ihre Wurzeln in der buddhistischen Metta-Meditation. Sie hilft Ihnen dabei, Wärme und Wohlwollen für sich selbst zu entwickeln und so eine innere Haltung von Freundlichkeit, Mitgefühl und Großzügigkeit zu kultivieren. Aus Respekt für die Tradition heißt diese Praxis im MBCL-Programm Freundlichkeitsmeditation.

      Viele Menschen kommen in meine MBSR-Kurse, um einen heilsameren Umgang mit Gefühlen wie Angst, Trauer oder Wut zu lernen. Deshalb habe ich die Anleitung zum achtsamen Umgang mit schwierigen Gefühlen aus dem MBSR-Programm in den Atemraum mit Selbstmitgefühl integriert.

      Heilsam mit schwierigen oder starken Gefühlen umgehen zu lernen, ist so wertvoll und nimmt ganz viel unnötigen Stress raus. Das ist aber nichts, was wir irgendwann "fertig" gelernt haben, sondern wird uns uns unser ganzes Leben lang begleiten - und immer wieder lernen wir ein wenig mehr. Deswegen ist Wiederholung gut. Immer. Für uns alle. 😉

      Audioaufnahme der Meditation Atemraum mit Selbstmitgefühl

      Sind Sie neugierig geworden? Dann lade ich Sie ein, gleich jetzt zu beginnen und – geleitet von meiner Stimme – die Meditation Atemraum mit Selbstmitgefühl zu praktizieren.

      Sie brauchen dafür nur 15 Minuten Zeit und einen ruhigen, angenehmen Platz, wo Sie bequem sitzen (oder liegen) können. Haben Sie sich gut eingerichtet? Dann starten Sie die Aufnahme. Ich wünsche Ihnen viel Freude damit.

      Und wenn Sie mögen, schreiben Sie mir gerne in die Kommentare, wie die Übung für Sie war.

      Atemraum mit Selbstmitgefühl (15 Minuten)

      von Jana Willms | MBCL

      Wenn Sie Mitgefühl und Selbstmitgefühl weiter vertiefen möchten, kann ein MBCL-Kurs ein stimmiger nächster Schritt sein.

      → Informationen zu MBCL und aktuelle Kurstermine.

      Häufige Fragen zu Selbstmitgefühl

      Was ist der Unterschied zwischen Selbstmitgefühl und Selbstmitleid?

      Selbstmitgefühl...

      • bedeutet, uns selbst in schwierigen Situationen freundlich, verständnisvoll und fürsorglich zu begegnen, anstatt uns zu verurteilen oder zu kritisieren.
      • basiert auf Achtsamkeit: Wir halten inne und erkennen achtsam an, dass wir etwas Schwieriges erleben. Dadurch gewinnen wir eine heilsame Distanz die uns hilft, uns nicht in Gedanken und Gefühlen zu verlieren.
      • aktiviert das Beruhigungssystem im Gehirn. Das baut Stress ab und fördert emotionale Stabilität.

      Selbstmitleid...

      • ist eine eher passive und selbstbezogene Haltung, in der wir unser Leid überbetonen und dramatisieren.
      • bedeutet, dass wir den heilsamen inneren Abstand zu unserem Leid verlieren und uns damit identifizieren ("Mein Schmerz...", "Meine Angst..."). Wir versinken in unserem Leid und fühlen uns isoliert ("Nur mir geht es so schlecht...").
      • lässt uns in der Opferrolle verharren, wir bleiben in unserem Schmerz und haben wenig Möglichkeiten, uns zu entwickeln und zu wachsen.

      Fazit: Selbstmitgefühl ist also eine einfühlsame und zugleich aktive und konstruktive innere Haltung, die emotionale Heilung und Wachstum ermöglicht. Selbstmitleid hingegen hält uns in leidvollen Mustern gefangen und macht uns den Umgang mit Herausforderungen nur noch schwerer.

      Ist Selbstmitgefühl egoistisch?

      Nein, Selbstmitgefühl ist nicht egoistisch – im Gegenteil: Es ist eine gesunde und freundliche Haltung, die sowohl Ihnen selbst als auch anderen zugutekommt.

      • Selbstmitgefühl bedeutet nicht, dass Sie sich in den Mittelpunkt stellen oder im Selbstmitleid versinken. Es bedeutet, dass Sie sich in schwierigen Momenten so freundlich und verständisvoll behandeln, wie Sie es auch mit einem guten Freund oder einer guten Freundin tun. Das können zum Beispiel solche Momente sein, in denen Sie etwas falsch machen, versagen, schwierige Gefühle, Erschöpfung oder Stress erfahren.
      • Selbstmitgefühl stärkt Ihr Mitgefühl für andere. Wenn Sie freundlich mit sich selbst umgehen, haben Sie mehr innere Ressourcen, um auch anderen mit Offenheit und Fürsorge zu begegnen. Es gibt Studien die zeigen, dass selbstmitfühlende Menschen oft hilfsbereiter, empathischer und beziehungsfähiger sind.
      • Selbstmitgefühl verringert Erschöpfung und die Gefahr von Burnout. Gerade, wenn Sie zum Beispiel in einem helfenden Beruf arbeiten (z.B. in der Pflege, Pädagogik oder Psychotherapie), schützt Selbstmitgefühl Sie davor, sich zu überfordern und auszubrennen. Wenn Sie erschöpft sind, können Sie niemandem mehr helfen! Indem Sie mitfühlend mit sich selbst umgehen und gut auf sich achten, dienen Sie also nicht nur sich selbst, sondern genauso den Menschen, mit denen Sie arbeiten oder leben.
      • Selbstmitgefühl motiviert Sie, sich zum Positiven zu verändern. In meinen Kursen höre ich am Anfang oft die Befürchtung: Wenn ich mitfühlend mit mir selbst bin, lasse ich mich gehen und schaffe nichts mehr. Das stimmt nicht, sondern das Gegenteil ist der Fall. Selbstmitgefühl hilft uns, Fehler achtsam und ehrlich anzuschauen, ohne uns sofort zu verurteilen. Das motiviert zu gesunden Veränderungen – aus einer inneren Haltung von Fürsorge und nicht aus Angst oder Selbsthass.

      Fazit: Selbstmitgefühl ist kein Egoismus, sondern ein Ausdruck von Freundlichkeit und Verbundenheit. Es schafft die Grundlage für nachhaltige Fürsorge – für uns selbst und damit auch für andere.

      Was ist eine einfache Selbstmitgefühl-Übung für den Alltag?

      Der Atemraum mit Selbstmitgefühl aus dem MBCL-Mitgefühlstraining ist eine einfache Selbstmitgefühlsübung für den Alltag.

      Er ist speziell für herausfordernde Situationen gedacht und besteht aus drei Schritten:

      1. Sie halten inne und richten Ihre Aufmerksamkeit behutsam auf das, was Sie gerade erleben (Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, aber auch Geräusche, Gerüche oder andere Sinneswahrnehmungen, die gerade deutlich sind). Sie erkennen achtsam an, was Sie gerade erleben. Das bedeutet nicht, dass Sie es mögen müssen.
      2. Dann bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit zu den Atemempfindungen und erlauben dem Atem dann, einen beruhigenden Rhythmus zu finden.
      3. Im letzten Schritt spüren Sie, wie es Ihnen gerade geht und bieten sich einen unterstützenden, mitfühlenden Wunsch an.

      Diese Übung lässt sich in wenigen Minuten praktizieren – auch mitten im Alltag.

      Wie kann ich Selbstmitgefühl üben, wenn ich mich gestresst oder überfordert fühle?

      Ja. Nehmen Sie sich dann einen Moment Zeit, um innezuhalten und wahrzunehmen, wie es Ihnen gerade geht – ohne sofort etwas verändern zu müssen. Spüren Sie Ihren Körper. Erlauben Sie sich, ein wenig zu entspannen, denn Anspannung macht die Situation auch nicht besser. Schauen Sie verständnisvoll auf sich: Es ist nicht immer leicht, Mensch zu sein! Gibt es etwas Freundliches oder unterstützendes, was Sie sich selbst wünschen können? Lassen Sie die Worte nach innen tropfen. Spüren Sie ggf. ihren Nachhall im Körper. 🧡

      Wie oft sollte ich Selbstmitgefühl üben?

      Selbstmitgefühl entfaltet seine Wirkung vor allem durch regelmäßige Praxis.

      Oft braucht es dafür keine langen Meditationen. Schon kurze, wiederkehrende Übungen können Ihnen helfen, eine freundlichere, mitfühlendere Beziehung zu sich selbst zu entwickeln.

      Entscheidend ist weniger die Dauer, als der Wunsch und die Bereitschaft, sich immer wieder für Freundlichkeit (anstatt Selbstkritik) zu entscheiden.

      Was ist der Unterschied zwischen Selbstmitgefühl und Selbstliebe?

      Selbstmitgefühl und Selbstliebe hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe: Selbstmitgefühl ist vor allem eine innere Haltung in schwierigen, schmerzhaften oder herausfordernden Momenten. Selbstliebe ist eine übergreifende wertschätzende Beziehung zu sich selbst. 

      Selbstmitgefühl ist eine Übungspraxis bei der Sie lernen, sich in herausfordernden Momenten freundlich und unterstützend zu begegnen. Das wirkt beruhigend und entlastend. Selbstliebe beschreibt eher die grundlegende Beziehung, die Sie zu sich selbst entwickelt haben.

      Kann Selbstmitgefühl helfen, mit starker Selbstkritik umzugehen?

      Ja, Selbstmitgefühls-Übungen können bei ausgeprägter Selbstkritik unterstützend sein. Anstatt die kritische innere Stimme zu bekämpfen lernen Sie, sich selbst unterstützend und verständnisvoll zu begegnen. Diese freundliche Selbstzuwendung aktiviert das parasympathische Nervensystem und unterstützt dadurch Beruhigung und emotionale Entlastung.

      Jana Willms

      Jana Willms

      Diplom-Psychologin, Senior-Lehrerin für MBSR und MBCL, MBCL-Ausbilderin und Supervisorin

      Seit mehr als 15 Jahren begleite ich Menschen in Achtsamkeits- und Mitgefühlskursen. Außerdem unterstütze ich Fachkolleg*innen in Supervision und Weiterbildung. Es liegt mir am Herzen, eine Praxis weiterzugeben, die Klarheit, Freundlichkeit und Verbundenheit stärkt – mit uns selbst, mit anderen und mit unserer Mitwelt.